Killt KI den Kapitalismus?
Der SPIEGEL hatte KI als Heftthema und hat eine Menge interessante Fragen gestellt. In seiner Titelgeschichte zum Beispiel, ob die KI-Revolution nicht nur einzelne Berufe verändert, sondern die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen des Kapitalismus ins Wanken bringen könnte. Denn erstmals könnte eine Technologie nicht nur körperliche, sondern auch große Teile geistiger Arbeit automatisieren. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Was passiert mit einer Gesellschaft, in der Arbeit als wichtigste Quelle von Einkommen und sozialem Aufstieg zunehmend an Bedeutung verliert? Die Geschichte hat vier Kapitel:
1. Die verlorene Generation
Bisher galt technischer Fortschritt als letztlich positiv für den Arbeitsmarkt: Maschinen vernichten zwar bestimmte Tätigkeiten, schaffen aber neue. Diese »Kompensationstheorie« könnte bei KI an ihre Grenzen stoßen. KI übernimmt gerade Aufgaben, die bisher gut ausgebildete Menschen erledigten. Der Arbeitsökonom David Autor betont allerdings, dass KI nicht zwangsläufig ganze Berufe ersetzt. Sie kann menschliche Expertise ebenso verstärken wie überflüssig machen. Entscheidend ist, welche einzelnen Aufgaben eines Berufs automatisierbar sind.
Besonders betroffen scheint bereits die junge Generation. Der SPIEGEL berichtet von Hochschulabsolvent*innen, die trotz guter Ausbildung kaum noch Einstiegsmöglichkeiten finden. Für sie wird die frühere Gleichung »Bildung = sicherer Arbeitsplatz = sozialer Aufstieg« zunehmend unsicher. Der Soziologe Mathias Albert warnt deshalb vor einer »lost generation«, deren Unsicherheit in politische Perspektivlosigkeit umschlagen könnte.
2. Die neuen KI-Oligarchen
Während die Bedeutung menschlicher Arbeit sinken könnte, wächst die Macht der Unternehmen, die über die neue KI-Infrastruktur verfügen. Eine kleine Gruppe von Techkonzernen kontrolliert Modelle, Chips, Rechenzentren, Daten und globale Plattformen. Gleichzeitig entstehen enorme Unternehmensbewertungen und persönliche Vermögen.
Damit verschiebt sich die Frage von der Automatisierung zur Machtverteilung. Yuval Noah Harari warnt vor einem Machtkampf zwischen Techunternehmen und Regierungen. Thomas Piketty sieht in KI sogar einen neuen Mechanismus zur Konzentration von Reichtum: Unternehmen übernehmen Wissen und Erfahrungen vieler Menschen und versuchen, daraus eigene wirtschaftliche Eigentumsansprüche abzuleiten.
3. Die Gegenbewegung
Gegen diese Entwicklung formiert sich in den USA eine neue Bewegung der »Neo-Ludditen«. Sie lehnen Technologie nicht grundsätzlich ab, wenden sich aber gegen die Dominanz der großen Techunternehmen und deren Kontrolle über Kommunikation, Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Infrastruktur. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen den Bau von KI-Rechenzentren. KI wird damit zunehmend auch zu einer politischen und gesellschaftlichen Konfliktfrage.
Der SPIEGEL beschreibt sogar erste Anzeichen einer Radikalisierung. Sicherheitsbehörden warnen vor möglichen Protesten und antitechnologischem Extremismus. Die Auseinandersetzung um KI könnte damit über die klassische Debatte über Chancen und Risiken der Technologie hinausgehen.
4. Und dann?
Was könnte an die Stelle des bisherigen Systems treten? Die Vorschläge reichen von einer Robotersteuer und einem bedingungslosen Grundeinkommen bis zu einer stärkeren Besteuerung von Vermögen. Auch Nicolas Berggruen, wir kennen ihn als etwas glücklosen Karstadt-Investor, hat eine Idee: Das »Universal Basic Capital«. Die Bevölkerung soll nicht lediglich Geld als Ausgleich erhalten, sondern selbst Anteile an den Unternehmen besitzen, die von der KI-Revolution profitieren. Denkbar wäre etwa ein Fonds, in den Unternehmen einzahlen, oder ein staatlich geförderter Kapitalstock für jede(n) Bürger*in.
Der Historiker Sven Beckert erinnert daran, dass der Kapitalismus kein unveränderliches Naturgesetz ist, sondern sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt hat. Auch die KI müsse deshalb nicht zwangsläufig zu seinem Ende führen. Entscheidend sei vielmehr, wie die enormen Produktivitätsgewinne verteilt werden.
Die eigentliche Frage des Artikels ist eigentlich weniger »Wird KI den Kapitalismus abschaffen?« sondern eher: Wer besitzt die neue Produktivität – und wer profitiert von ihr? Wenn KI den Wohlstand tatsächlich dramatisch vergrößert, ihn aber gleichzeitig bei wenigen Techkonzernen konzentriert, könnte genau darin die größte Gefahr für den bisherigen Gesellschaftsvertrag liegen.
Ich finde den Artikel so interessant, dass ich hier gerne zwei Gratis-Links, jeweils für 10 Leser*innen, raushaue. Das Heft hält aber noch ein paar mehr Geschichten bereit, der Kauf lohnt sich.
(Der Spiegel, 08.08.2026) Der Bericht ist hinter einer Paywall, für Spiegel-Abonnent*innen hier der normale Link: https://www.spiegel.de/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz-killt-ki-den-kapitalismus-a-56ab0493-30a5-45e2-a2fc-226357d1de60
Und für die ersten 10 von euch hier ein Gratis-Link: https://www.spiegel.de/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz-killt-ki-den-kapitalismus-a-56ab0493-30a5-45e2-a2fc-226357d1de60?giftToken=803ab5d8-db8a-47df-8792-d1765883afe8
Update: Am 17.08.2026 veröffentlichte der Spiegel eine weitere Story unter dem Titel »Wie der Kampf gegen KI Demokraten und Republikaner spaltet«. Auch hier wird beschrieben, wie sehr das KI-Thema viele Amerikaner*innen bewegt und das quer durch die Anhängerschaften der beiden großen Parteien. In den USA haben offenbar viele Menschen erkannt, dass sie auf die eine oder andere Art negativ von der KI-Innovation betroffen sind. Sei es, weil ihnen die Kündigung droht, oder weil in ihrer Umgebung ein Rechenzentrum gebaut wird.
(Der Spiegel, 17.08.2026) Auch dieser Artikel ist hinter einer Paywall, für Spiegel-Abonnent*innen hier wieder der normale Link: https://www.spiegel.de/ausland/usa-unter-trump-wie-der-kampf-gegen-ki-demokraten-und-republikaner-spaltet-a-b48e49d1-142d-4d17-8692-95dbdd81a390
Und für die ersten 10 von euch wieder hier ein Gratis-Link: https://www.spiegel.de/ausland/usa-unter-trump-wie-der-kampf-gegen-ki-demokraten-und-republikaner-spaltet-a-b48e49d1-142d-4d17-8692-95dbdd81a390?giftToken=c1c9bf2a-b25b-43c7-9d5a-41b7c707ba03 |